Das Thema – Eine Einführung


Wir reagieren mit „Höflichkeit 3.0“ auf einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel

„Ohne dass wir dessen gewahr wurden, ist in einer kurzen Zeitspanne, in jener, die uns von den siebziger Jahren trennt, ein neuer Mensch geboren worden. Er oder sie hat nicht mehr den gleichen Körper und nicht mehr dieselbe Lebenserwartung, kommuniziert nicht mehr auf die gleiche Weise, nimmt nicht mehr dieselbe Welt wahr, lebt nicht mehr in derselben Natur, nicht mehr im selben Raum“. So beginnt der französische Philosoph Michel Serres seine „Liebeserklärung an die vernetzte Generation“. Nachdem er gesehen hat, wie seine Enkel in atemberaubender Geschwindigkeit mit ihren beiden Daumen SMS verschicken, hat er sie „mit der größten Zuneigung, die ein Großvater zum Ausdruck bringen kann, auf die Namen Kleiner Däumling und Däumelinchen getauft“.

 

Digitaler Wandel – Segen oder Fluch?

Derart liebevolle Kosenamen finden nur wenige Erwachsene für die junge Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Eher wird verständnislos der Kopf geschüttelt über ihr scheinbar pausenloses Chatten, Posten und Teilen. Ihre Art der sozialen Kontaktpflege und Kommunikation trifft vielfach auf Irritation bei denen, die noch zwischen analoger und digitaler Welt unterscheiden.

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So wird dann auch in den Medien lebhaft spekuliert über die Folgen, die die rasant voranschreitende Vernetzung der Welt für das soziale Miteinander mit sich bringt: „Segen oder Fluch?“
In regelmäßigen Abständen werden Studien und Umfragen durchgeführt, um mögliche Veränderungen im Verhalten von Jung und manchmal auch Alt aufzuspüren.
Urteile wie „Kultur der Unhöflichkeit“ finden sich in diesem Zusammenhang ebenso wie Mahnungen zur Besonnenheit in der Beurteilung des durch die digitalen Medien hervorgerufenen Wandels. So zum Beispiel vom Wissenschaftler Urs Gasser (Mitautor des Standardwerkes „Generation Internet“), der bereits 2009 eine an Fakten ausgerichtete Diskussion fordert und nicht eine durch Vorurteile und Halbwahrheiten getriebene.

 

„Mythenbildung“ und Cybermobbing

Denn laut Gasser habe zwar das Internet tiefe Veränderungen bewirkt. Sie beträfen unter anderem den Umgang junger Menschen mit Informationen und Inhalten, die Art und Weise wie „Digital Natives“ miteinander kommunizieren und teilweise auch ihr Verhältnis zu gesellschaftlichen Institutionen. Eltern und Pädagogen aber, die noch in der Papierwelt groß geworden seien, wüssten in der Regel nur wenig darüber, was ihre Schutzbefohlenen online alles treiben.

Es erstaune kaum, dass diese Unkenntnis und Entfremdung der „Digital Immigrants“ von den „Digital Natives“ zur Mythenbildung beitrage.
In den Medien lässt sich auch eine Vielzahl von Berichten über besonders eklatante Fälle von Cybermobbing finden. Fachleute werden zu Rate gezogen, wie insbesondere junge Menschen vor dem digitalen Psychoterror geschützt werden können.

Link zum Text: Der digitale Wandel im Spiegel von Presse und Literatur

 

Von „eEtiquette“ zu „Höflichkeit 3.0“

2015 Projekt Essen Stadtwerke-1-51Auch Wirtschaftsunternehmen reagieren auf die veränderte Lebenswelt. So ließ die Deutsche Telekom zum Beispiel 2010 von einem internationalen Team „101 Leitlinien für die digitale Welt“ erstellen. Eine „eEtiquette“ für den digitalen Lifestyle von „Usern für User“. Die Prämisse damals: „Der digitale Lifestyle ändert unser Leben und unser Verhalten. Und selbst Knigge weiß keinen Rat mehr zu den Fragen von „Höflichkeit 2.0“(eEtiquette@work)

Während hier noch die Höflichkeit im klassischen Sinne als Regelkanon („Dos and don`ts“) aufgefasst wird, verstehen wir darunter alle verbalen und nonverbalen Aspekte des sozialen Miteinanders im digitalen und analogen Raum.

 

Zuhause war anderswo

Für die junge Generation gibt es im Zusammenhang mit unserem Thema noch einen weiteren Aspekt, der wie Internet und Smartphone entscheidend auf ihre Lebenswelt und ihre Wertvorstellungen Einfluss hat.
Weltweit sind zur Zeit fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht und es brechen so viel wie noch nie nach Europa auf. Für Deutschland werden für dieses Jahr 800. 000 Flüchtlinge prognostiziert. Es sind vor allem junge Menschen, Menschen, die eine Schule besuchen, studieren oder eine Ausbildung machen werden.
Die jüngste Flüchtlingswelle beschleunigt einen gesellschaftlichen Wandel, der insbesondere in den westlichen Industriestädten schon zu beobachten ist. Für einen großen Teil der Jugend war ihr Zuhause oder das ihrer Eltern einmal anderswo. So haben bereits über 30 Prozent der heute unter 15 – jährigen einen Migrationshintergrund. Tendenz steigend. Türkei, Albanien, Kosovo und Syrien, das sind nur vier der vielen Lebenswelten, die heute in einer Bildungseinrichtung aufeinandertreffen können.
Das heißt: Täglich versuchen junge Menschen miteinander klar zu kommen, die sich durch ihre familiäre Herkunft in ihren Lebenserfahrungen und tradierten Wertvorstellungen sowie Umgangsformen teilweise extrem unterscheiden.
Was bedeutete das für sie, für ihr Selbstverständnis und ihr Verhalten den anderen gegenüber? Wie geht das? Und vor allem: Was geht nicht und warum?
Kinder, deren Blick auf die Welt noch mehr von Neugierde als Erfahrungen geprägt ist, fällt es zum Beispiel leichter das „Anders sein“ zu respektieren. Bei Pubertierende mit ihrem starken Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung wird es schon komplizierter. Kurzum: Migration mit ihren vielfältigen Facetten (Kultur, Religion, Sprache) spielt besonders für die junge Generation eine nicht zu unterschätzende Rolle im sozialen Miteinander und in ihren Umgangsformen. Eines ist ihnen jedoch unabhängig von ihrer Herkunft allen gemeinsam: Das Smartphone befindet sich im Zentrum ihrer Welt.
Wir wollen „Däumelinchen“ und den „Kleinen Däumeling“ auf die Suche schicken, um Antworten zu finden auf die Frage, wie für sie ein respektvolles und wertschätzendes Miteinanderumgehen aussehen sollte und was für sie Höflichkeit heute bedeutet.

Presseauszüge