Künstlerisches Arbeiten mit jungen Menschen


Schon Joseph Beuys hat lange vor dem Internetzeitalter mit seinem erweiterten Kunstbegriff dazu aufgerufen, Rezeption und Produktion von Kunst für die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Einzelnen nutzbar zu machen. Mit seinem Credo „Jeder ist ein Künstler“ wollte Beuys in der ihm eigenen provokanten Art einen neuen Menschen einfordern, den künstlerisch Handelnden.
Mit der Digitalisierung und ihren soziokulturellen Folgen gewinnt die Diskussion über die Bedeutung und den Nutzen von Kunst als Teil der Schul- und Berufsausbildung wieder an Fahrt.
Warum ist das so? Hier exemplarisch einige Antworten:

 

„Kulturelle Bildung für die Mediengeneration“

Thomas Krüger hat bereits 2001 festgestellt, dass insbesondere bei jungen Menschen als Reflex auf die sich zunehmend vernetzende Welt, eine deutliche Fokussierung des Interesses auf die eigene Lebenswelt zu beobachten sei. Die Gründe dafür beschreibt der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung in Bezug auf die Ergebnisse einer Jugendstudie (Shell Studie) wie folgt:
Parallel zu der für die nachwachsende Generation zu konstatierenden Inflation von möglichen Lebensentwürfen und Werten, die ein hohes Maß an Selbstmanagement für den Einzelnen bedeute, sei ein hoher Verfallswert und eine wachsende Komplexität von Wissen und Sachverhalten festzustellen. Und, so Krüger weiter: “Der Einzelne steht nahezu ungeschützt dieser universalen Informationsüberflutung und Medialisierung gegenüber. Mediale Bilder und Aussagen scheinen die Realität geradezu zu ersetzen. Dabei wird die Unterscheidung, was ‘richtig’ und ‘falsch’ , ‘wahr’ oder ‘unwahr’ ist, zum individuellen Einschätzungs – Problem und mehr als schwierig“.
Die Folge: “Die konsequente Hinwendung auf die eigenen Bedürfnisse äußert sich auch im vermeintlichen Hedonismus der Jugendlichen. Spaß statt Anstrengung. Ich statt Wir. Erlebnis statt Nachdenken“.
Das Hauptinteresse Krügers galt nun der Frage: „Wie können wir mit Blick auf die oben skizzierte Entwicklung junge Menschen für eine aktive Teilhabe an der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung wiedergewinnen und ihre zunehmende Marginalisierung aufhalten?“.
Seine Antwort: Durch künstlerische Bildungsangebote. “Kunst mobilisiert die kreativen Potentiale einer Gesellschaft jenseits von Kategorien wie Nützlichkeit und Verwertbarkeit (analog Spiel!!!).“ Kunst sei Kommunikationsmittel. Kunst erleichtere die Kommunikation. „Gerade wenn es darum geht, Jugendlichen Möglichkeiten der Wahrnehmung und Bearbeitung von Problemstellungen zu geben, die zunächst kognitiver Durchdringung nicht zugänglich erscheinen, kann Kunst als Kommunikationsmittel wirken.“
Quelle: Thomas Krüger: Eröffnungsrede des Kongresses „Kultur leben lernen. Kulturelle Bildung für die Mediengeneration“. München 2001. In: www.bpb.de /Reden von Thomas Krüger/Archiv.

 

IMG_20150224_183423 (600 x 450) „Es ist wichtig, was ich denke, und ich kann es sichtbar gestalten“

Sehr viel praxisorientierter schildert die Kulturpädagogin Mechthild Eikhoff 2010 die Vorzüge und den Nutzen einer künstlerischen Arbeitsweise mit jungen Menschen:
„Vielfach erhalten Kinder und Jugendliche innerhalb solcher Kunstprojekte das erste Mal die Möglichkeit, sich von ihrer starken Seite zu zeigen oder diese selbst kennenzulernen. Vielfach erhalten sie das erste Mal eine künstlerisch motivierte Aufmerksamkeit, die allein sie und ihre Talente und Fähigkeiten in den Mittelpunkt stellt, statt ihre Defizite – gleich welcher Natur – zu fokussieren und zu bewerten.“
Darüber hinaus könnten sich im Kunstprojekt Gespräche über persönliche Fragestellungen entwickeln, die in klassischen Bildungsinstitutionen unbeachtet blieben. „Hier kann jeder Einzelne Expertin oder Experte der eigenen Fragen und Antworten sein – ein Gefühl, das für die gesellschaftliche Teilhabe und ein emanzipiertes Selbstbewusstsein konstituierend ist: Es ist wichtig, was ich denke, und ich kann es sichtbar gestalten.“
Hier sei im Bildungskontext kein Platz für Hierarchien oder Deutungshoheiten, die eng vorgeben, was vorher hinein und nachher dabei herauskomme.„
Quelle: Mechthild Eickhoff: Die Kunst der Erreichbarkeit, 2010. In: www.bpb.de/Gesellschaft/Kulturelle Bildung

 

„Suchbewegungen ermöglichen und Proberäume schaffen“

Ähnlich wiederum wie Thomas Krüger argumentiert der Medienwissenschaftler Martin Geisler: Kunst beruht auf „Individualität, Subjektivität, Ambivalenzen, Unklarheiten und Emotionen. Diese Eigenschaften erlangen zunehmend Bedeutung in einer Gesellschaft, die von Komplexität, uneindeutigen Wahrheitsgehalten und Orientierungsproblemen geprägt ist.“ Die scheinbar nutzfreie Funktion von Kunst, ihre kommunikativen Eigenschaften und ihre offenen Aussagen erlaube laut Geisler Suchbewegungen und schaffe Proberäume.
“Schon immer war es ein Phänomen des menschlichen Lebens, und insbesondere der Jugend, über die real erfahrbare Welt nach Welten der Möglichkeiten zu suchen. So suchen sich Jugendliche die Räume, in denen sie sich als wirksam erleben.“
Quelle: Martin Geisler: Spiegelbilder im Monitor, 2011. In: www.bpb.de/Gesellschaft/Kulturelle Bildung

 

Künstlerisches Handeln in der beruflichen Bildung

Kunst ist seit langem fester Bestandteil von Studium und beruflicher Ausbildung. Genannt seien exemplarisch die anthroposophisch orientierte Alanus Hochschule und die ihr nahestehenden Unternehmen wie die Drogeriemarktkette „dm“ und die Biosupermarktkette „alnatura“. Hier werden praktische Erfahrungen in künstlerischen Zusammenhängen als konstituierende Bestandteile für die Persönlichkeitsentwicklung angesehen. Womit wir wieder bei Beuys wären.
In Kunstprojekten können die für die postmoderne Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung gewinnenden Schlüsselkompetenzen wie Selbstmanagement, Flexibilität und Kreativität, nachhaltig gefördert, weil erfahrbar gemacht werden. So sehen das zum Beispiel Bildungsforscher der Alanus Hochschule, die mit einer ausführlichen Analyse des künstlerischen Handelns dem Thema nachgegangen sind – unter dem Motto: „Was die Arbeitswelt und Berufsbildung von Künstlern lernen können“.
Sie beschreiben die Charakteristika, die allem künstlerischen Bemühen zu eigen sind. Und sie zeigen, wie diese auch als Handlungsmaxime für die Arbeitswelt (Stichwort: Gestaltung offener Prozesse) dienen können. Gemeint sind vor allem das ergebnisoffene Vorgehen und die dialogische Haltung von Künstlern.

So wird das künstlerische Handeln und sein Nutzen für die Arbeitswelt von den Forschern wie folgt beschrieben: Es „erkundet zweckfrei Möglichkeiten, die es ausprobiert. Dabei bringt es neue Ergebnisse hervor, die in der Sache angelegt sind, aber erst wahrgenommen, freigelegt und herausgearbeitet werden müssen. Die (Ziel) Offenheit des künstlerischen Prozesses bildet die Grundlage dafür, dass Künstler immer wieder was Neues entdecken und schaffen.“
Diese Offenheit bedeute aber auch, dass sich der Prozess nicht planen lasse. „Mit ihr umzugehen, verlangt die Fähigkeit, mit Unsicherheit und mit Ungewissheit umgehen zu können, ohne handlungsunfähig zu werden. Das ist ein klares und dringendes Plädoyer für die Integration künstlerischer Aktivitäten in die berufliche Bildung. Denn die immer noch verbreitete Meinung, Arbeitswelt und Kunst seien einander fremde Welten, die nichts miteinander zu tun haben, ist nicht mehr zeitgemäß.“
Quelle: Michael Brater, Sandra Freygarten, Elke Rahrmann: Kunst als Handeln – Handeln als Kunst. Was die Arbeitswelt und Berufsbildung von Künstlern lernen können. Bielefeld, 2011.

 

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